Das tote Pferd und die Schule

Vor einiger Zeit habe ich folgendes Sprichwort kennengelernt:

„Wenn du entdeckst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab.“

Dieses Sprichwort stammt von den Dakota-Indianern und die waren echt clever!

Jetzt denkst du dir am Anfang, ja logisch steige ich dann ab! Macht ja auch überhaupt keinen Sinn, ein totes Pferd reiten zu wollen. Schau aber mal genauer hin – es ist erschreckend, wie viele tote Pferde wir so in unserem Alltag integriert haben 😉 Das größte tote Pferd von allen aber weilt seit Jahrzehnten unter uns und jeder, auch du, musste sich viele Jahre damit herumquälen…

Um das Ganze noch etwas weiter auszuführen, gehören zu dem Sprichwort eine Reihe von Abwehr-Strategien. Einfach mal durchlesen und auf dich wirken lassen 🙂

  • Wir besorgen eine stärkere Peitsche.
  • Wir wechseln die Reiter.
  • Wir sagen: „So haben wir das Pferd doch immer geritten.“
  • Wir gründen einen Arbeitskreis, um das Pferd zu analysieren.
  • Wir besuchen andere Orte, um zu sehen, wie man dort tote Pferde reitet.
  • Wir schieben eine Trainingseinheit ein, um besser reiten zu lernen.
  • Wir stellen Vergleiche unterschiedlich toter Pferde an.
  • Wir ändern die Kriterien, die besagen, ob ein Pferd tot ist.
  • Wir kaufen Leute von außerhalb ein, um das tote Pferd zu reiten.
  • Wir schirren mehrere tote Pferde zusammen an, damit sie schneller werden.
  • Wir machen eine Studie, um zu sehen, ob es billigere Reiter gibt.
  • Wir kaufen etwas zu, das tote Pferde schneller laufen lässt.
  • Wir erklären, dass unser Pferd „besser, schneller und billiger“ tot ist.
  • Wir bilden einen Qualitätszirkel, um eine Verwendung für tote Pferde zu finden.
  • Wir weisen Wochenendarbeit an und tragen das tote Pferd selbst.
  • Wir strukturieren den Stall um und verdoppeln die Futterration.
  • Wir erklären, dass ein totes Pferd von Anfang an unser Ziel war.

Als ich dieses Blatt Papier vor mit hatte, in keinem bestimmten Zusammenhang, schoss mir sofort das deutsche Schulsystem durch den Kopf. Damals war ich noch kein halbes Jahr aus dem Referendariat ausgestiegen, die Erinnerungen also noch ziemlich eindrücklich präsent, und es passte zu 100%. Dieses Schulsystem ist sowas von tot!!!

Und bis jetzt habe ich kein besseres Beispiel für dieses Sprichwort gefunden. Je länger ich darauf rumgedacht habe, desto mehr Beispiele für die Abwehr-Strategien sind mir eingefallen. Und ich bin mir sicher, dass das noch lange lange nicht alle sind. (Manche kommen ziemlich böse rüber, teils kann man das als Sarkasmus durchgehen lassen, teils nach meinen Erfahrungen leider nicht…)

Angefangen bei: „So haben wir das Pferd doch immer geritten.“ Muss ich dazu noch etwas sagen? Trotz der neuen Bildungspläne, engagierten Dozenten und Profs an den Pädagogischen Hochschulen, die die neuste Didaktik anschaulich und praxisnah vermitteln (zumindest in Heidelberg gibt es davon einige!) und neuen frischen Ideen, die die Lehramtsanwärter zu Beginn des Refs im Gepäck haben…an den meisten Schulen dominiert immer noch der Frontalunterricht. Und sämtliche neue Ideen werden eingestampft und sind ganz schnell vergessen…

„Wir schieben eine Trainingseinheit ein, um besser reiten zu lernen.“ Genauso lächerlich! Wer hat das Recht, den Lehrern zu unterstellen, dass sie immer besser und besser werden müssen? Vielleicht sollte endlich mal hinterfragt werden, woran die ganzen Probleme wirklich liegen und warum sie so ungefähr überall in ganz Deutschland bestehen…sind mit den Jahren wirklich alle Lehrer so schlecht geworden??? Irgendwie schwer vorstellbar – wie war das mit dem toten Pferd?!

„Wir stellen Vergleiche unterschiedlich toter Pferde an.“ Auch ein schöner Punkt. Teile des Schulsystems sind ja immer noch bundesland- oder sogar kreisspezifisch. Also ist es doch ein Leichtes, mal bei den Nachbarn zu schauen, wie die so klarkommen. Und dann ist es doch auch nur gerechtfertigt, dass aufgeatmet werden kann, wenn man merkt, dass es „nebenan“ noch schlechter läuft, oder?! Dann kann man sich doch schön auf die Schulter klopfen und genauso weitermachen.

„Wir gründen einen Arbeitskreis, um das Pferd zu analysieren.“ Wer jemals im Schulkontext tätig war, weiß genau wovon die Rede ist. Alles wird stundenlang analysiert und eventuell wird sogar ein Konzept ausgearbeitet, das irgendetwas besser machen soll. Wenn es nicht daran scheitert, dass alle damit einverstanden sind, scheitert es spätestens in der Praxis. Selbst wenn Motivation vorhanden ist, Zeit ist es sicher nicht, um auch das noch umzusetzen. Und wenn es selbst daran nicht scheitern sollte, fehlt auf lange Sicht bestimmt das Geld!

Ich könnte noch Stunden so weitermachen. Merkt man, dass ich einen ziemlich Groll gegen dieses Schulsystem hege? Ich hoffe es doch!!!

Wenn dir zu einer der Strategien auch ein passendes Beispiel einfällt, lass es doch gerne in den Kommentaren da. Wut rauslassen ist ausdrücklich erlaubt 😉 Sämtliche anderen Anmerkungen sind natürlich ebenso willkommen.

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